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Neugestaltung von Lernräumen

Mittelfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont drei bis fünf Jahre

Zusammenfassung

Einführung

Schlüsseltrends, die den Einsatz von Technologien im Hochschulbereich befördern

Langfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont fünf oder mehr Jahre

 > Beförderung von Innovationskulturen
 > Deeper-Learning-Methoden

Mittelfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont drei bis fünf Jahre

 > Zunehmender Fokus auf der Messung von Lernprozessen
 > Neugestaltung von Lernräumen

Kurzfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont ein bis zwei Jahre

 > Blended-Learning-Designs
 > Kollaboratives Lernen

Besondere Herausforderungen, die den Einsatz von Technologien im Hochschulbereich behindern

Bezwingbare Herausforderungen: begreifbar und lösbar

 > Zusammenführung von formellem und informellem Lernen
 > Verbesserung der Digital- und Medienkompetenz

Schwierige Herausforderungen: begreifbar, aber schwer lösbar

 > Die Leistungskluft
 > Förderung der digitalen Gleichberechtigung

Komplexe Herausforderungen: schwer definierbar und umso schwerer lösbar

 > Neue Rolle(n) der Lehrenden
 > Der richtige Umgang mit Wissensverschleiß

Wichtige lehr-/lerntechnologische Entwicklungen für den Hochschulbereich

Zeithorizont: ein Jahr oder weniger

 > Adaptive Lerntechnologien
 > Mobiles Lernen

Zeithorizont: zwei bis drei Jahre

 > Internet der Dinge (IoT)
 > Next-Generation-LMS

Zeithorizont: vier bis fünf Jahre

 > Künstliche Intelligenz
 > Natürliche Benutzerschnittstellen

Methodologie

Expert/innenbeirat der Hochschulausgabe 2017

Neue hochschulische Lehr- und Lernformen, die digitale Elemente und eine verstärkte Aktivität einbeziehen, erfordern auch neue physische Lernräume. Lehr-/Lernumgebungen werden zunehmend so designt, dass sie projektbasierte Interaktionen unter Einbeziehung von erhöhter Mobilität, Flexibilität und der Verwendung diverser Endgeräte ermöglichen. Um Kommunikationswege zu verbessern, rüsten Hochschulen ihr Breitband-WLAN[i] auf und installieren große Displays, so dass die Zusammenarbeit in digitalen Projekten komfortabler wird. Darüber hinaus erproben sie, wie Mixed-Reality-Technologien 3D-Hologramme in physische Orte einfügen können, um Simulationen, wie die Steuerung von Marsfahrzeugen, oder komplexe Arbeiten an Objekten, wie z.B. einem menschlichen Körper im Anatomielabor, mit detaillierten Visualisierungen anzureichern.[ii] Während die Hochschulen sich von traditionellen, vortragsbasierten Lehrveranstaltungen hin zu Praxisszenarien wenden, werden ihre Unterrichtsräume den Arbeitsplätzen und sozialen Umgebungen der realen Welt immer ähnlicher, die natürliche Interaktionen und interdisziplinäre Problemlösungsansätze unterstützen.

Überblick

Um eine Workshop-ähnliche Zusammenarbeit im Unterricht zu ermöglichen, lösen manche Hochschulen die festen Sitzplätze auf und verwandeln traditionelle Hörsäle in dynamische Räumlichkeiten.[iii] Telepräsenz-Technologien ermöglichen geografisch voneinander entfernten Studierenden und Professoren flexiblere Möglichkeiten zum gemeinsamen Austausch und Arbeiten. Beispiel: Die University of South Carolina hält an sieben Standorten Telepräsenzräume vor, die alle mit Kameras, einem 72-Zoll-Flachbildschirm und einem Kontrollraum ausgestattet sind. Lehrende können zwischen den Räumen wechseln, um mehrere Kurse gleichzeitig zu unterrichten, während die Studierenden über mehrere Standorte hinweg interagieren können, indem sie ein Umfragesystem nutzen sowie Dateien und Notizen teilen können.[iv] Adaptierbare Lernräume, die z.B. über bewegliches Mobiliar, flexibel einstellbare Bildschirmsteuerungen, WLAN und diverse Anschlüsse verfügen, können für unterschiedliche Lernszenarien genutzt werden, darunter Gruppenarbeit, praktische Übungen und Präsentationen von Studierenden. Die Gestaltung von Lernräumen unter der Maßgabe der Flexibilität hilft den Universitäten dabei, ihre räumlichen Möglichkeiten zu maximieren.[v]

Besser verfügbare Räumlichkeiten können außerdem das Prinzip des lebenslangen Lernens unterstützen, indem Studierende rund um die Uhr Zugang zu Lernressourcen erhalten. Eine traditionelle 50-minütige Lehrveranstaltung, die zwei- bis dreimal wöchentlich im selben Vortragsraum stattfindet, kann per se schon eine Einschränkung darstellen. Zusätzliche Möglichkeiten, in Räumen zu arbeiten, die länger geöffnet sind, erlauben Studierenden eine Flexibilität während ihrer nicht terminlich gebundenen Zeit. Einige Hochschulen stellen zudem fest, dass die Neugestaltung von Räumen als offenere Bereiche, die zum Experimentieren einladen, eingefahrene institutionelle Strukturen aufbrechen kann und Studierende sowie Lehrende aller Fakultäten dazu ermutigt, enger zusammenzuarbeiten. Die University of Southern California hat vor Kurzem ihre “Garage” entwickelt. Dort werden Produktions- und Werkstattflächen mit informellen Aufenthaltsbereichen kombiniert, um interdisziplinären Austausch, praktische Projekte und Zusammenarbeit anzuregen. Die Studierenden reagierten sofort mit der Bitte, die Garage täglich rund um die Uhr zu öffnen, was den Wert einer solchen Räumlichkeit nochmals erhöht.[vi]

Makerspaces an Universitäten, ein wesentlicher Schritt in der Neugestaltung von Lernräumen, haben in den letzten Jahren zugenommen, insbesondere als Teil der Hochschulbibliotheken. Bibliotheken bieten traditionell den Zugang zu Informationsquellen und Technologien, die sich Studierende sonst nicht leisten könnten. Viele erweitern ihr Angebot nun um moderne Tools wie Virtual-Reality-Equipment, digitale Schnittsoftware und 3D-Drucker. Räumlichkeiten, die Kenntnisse in Design und Programmieren fördern, werden zudem als wertvolle Bestandteile einer vollumfänglichen Hochschulerfahrung betrachtet.[vii] Viele Hochschulen richten auch Inkubatoren und Innovationszentren ein, die das Studium mit praktischen Erfahrungen verknüpfen und den Studierenden helfen, Netzwerke aufzubauen und Finanzierungen einzuwerben. Das Incubator Centre der University of Nottingham Ningbo China ist täglich rund um die Uhr geöffnet. Der offene Bau mit nur wenigen separaten Besprechungsräumen fördert das Gemeinschaftsgefühl und den nahtlosen Ideenaustausch. Der Inkubator bringt Studierende und Lehrende durch spezielle Programme und Veranstaltungen mit lokalen Start-ups, Investoren und Regierungsvertretern zusammen.[viii]

Implikationen für Strategie, Innovation oder Praxis

Es gibt mehrere Organisationen, die dabei helfen sicherzustellen, dass Gestaltungspläne mit den Vorgaben der Barrierefreiheit konformgehen. Das US-amerikanische Gesetz besagt: Unter Absatz 504 des “Rehabilitation Act” und den Titeln II und III des “Americans with Disabilities Act” sind Colleges und Universitäten verpflichtet, Studierenden mit Behinderungen gleichen und integrierten Zugang zur akademischen Bildung zu gewährleisten; dazu zählen sowohl physische als auch digitale Lernumgebungen. Der nationale Blindenverband der USA bietet freie Online-Ressourcen, die Hochschulen einsetzen können. Des Weiteren haben viele Universitäten ihre eigenen Taskforces und Richtlinien.[ix] Beispiel: Das Universal Design Center der California State University Northridge arbeitet mit seiner Campus-Community daran, Barrierefreiheit in alltägliche Aktivitäten einzubinden, z.B. die Einbeziehung verschiedener Darstellungsformen bei der Erstellung von Audio-, Text- und Video-Ressourcen. Das Beschaffungswesen der Universität fordert Mitarbeitende zudem dazu auf, Produkte nach Kriterien der Barrierefreiheit zu prüfen, bevor sie angeschafft werden.[x]

Führende Organisationen veröffentlichen Best-Practice-Leitfäden, um Hochschulleitungen dabei zu unterstützen, Visionen für Lernräume in die Praxis umzusetzen. Der “Learning Spaces Guide“ von Jisc zur Evaluierung und Gestaltung von Lernumgebungen ist mit Fallstudien und Beispielfotos angereichert. Der Leitfaden rät dazu, den Planungsprozess in die allgemeine Lehr-/Lernstrategie der Einrichtung aufzunehmen, ebenso wie die Anforderungen hinsichtlich Barrierefreiheit und Inklusion.[xi] FLEXspace ist eine weitere offene Ressource, die ursprünglich vom Hochschulverbund SUNY (State University of New York) entwickelt wurde, um Bildungseinrichtungen zu helfen, Informationen zur Lernraumgestaltung zu finden und zu teilen. Nutzer können dort Inhalte nach drei Kategorien suchen: Art der Aktivitäten, die in der Räumlichkeit stattfinden; technische Ausstattung der Räumlichkeit; sowie architektonische Anforderungen. FLEXspace kann darüber hinaus in Kombination mit dem “Learning Space Rating System” von EDUCAUSE verwendet werden. Hochschulen haben gute Erfahrungen damit gemacht, zunächst das Potenzial ihrer Räumlichkeiten mit dem Rating System festzustellen und anschließend über FLEXspace Beispiele für effektive Umsetzungsmöglichkeiten zu suchen.[xii]

Viele Hochschulen analysieren, wie ihre Lernräume aktuell genutzt werden und nehmen Feedback von Studierenden und Lehrenden auf, während sie berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten, die dazu anregen sollen, dass neue und renovierte Räume mit innovativer Lehre gepaart werden. An der University of New South Wales wurde für das Projekt “Piloting Active Learning Spaces” eine interdisziplinäre Kohorte von Lehrenden zusammengestellt, um neue Lernumgebungen mit konfigurierbarem Mobiliar und vielfältigem AV-Equipment zu testen, die Informationstransfer und Zusammenarbeit fördern sollen. Nutzer dieser Räumlichkeiten evaluieren ihre Erfahrungen, um eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Projekts zu gewährleisten.[xiii] An der britischen University of Surrey setzt das Projektteam “Active Learning Space” Raumgestaltungen um, die Lehrenden mehr Flexibilität geben und mehr Interaktivität ermöglichen sollen. Beispielsweise kann über Microsoft Surface-Hubs jeder im Raum seine Laptop- oder Tablet-Ansicht drahtlos auf den Bildschirm projizieren. Im Tandem mit den neuen Räumlichkeiten bietet die Universität Workshops zum Unterrichten im Flipped-Classroom-Format und zu aktiven Lernmethoden an.[xiv]

Literaturempfehlungen

Denjenigen, die mehr über die Neugestaltung von Lernräumen erfahren möchten, empfehlen wir die folgenden Quellen:

Building for Everyone

go.nmc.org/buildfor

(Centre for Excellence in Universal Design, aufgerufen am 11. Januar 2017.) Das Centre for Excellence in Universal Design in Irland bietet Empfehlungen und Best-Practice-Beispiele an, um zu gewährleisten, dass das Design und die Struktur einer Räumlichkeit barrierefrei sind.

Collaborative Learning Space at BSU

go.nmc.org/bsucollab

(Boise State University, aufgerufen am 24. Januar 2017.) Am English Department der Boise State University wurde ein traditioneller Computerraum in eine kollaborative Lernumgebung umgestaltet. Lehrende und Studierende können jedes drahtlose Endgerät mit der Solstice-Technologie verbinden und Inhalte streamen oder Dateien auf jedem beliebigen der sechs Monitore anzeigen. Der Raum hat keine festgelegte Ausrichtung, und das Mobiliar kann leicht bewegt und umgestellt werden.

Report of the Ad Hoc Committee on Learning Space Improvement

go.nmc.org/wismad

(Provost, University of Wisconsin-Madison, März 2016.) An der University of Wisconsin-Madison wurde das “Ad Hoc Committee on Learning Space Improvement” gebildet, das dazu beitragen soll, bei der Umgestaltung der hochschulischen Räumlichkeiten aktivere, technologiegestützte Lernmethoden einzuplanen. Dieser Bericht beschreibt den dort erarbeiteten Optimierungsplan und gibt somit einen Einblick in den gesamten Prozess.

Research-Informed Principles for (Re)designing Teaching and Learning Spaces

go.nmc.org/mcgill

(Adam Finkelstein, Journal of Learning Spaces, 1. November 2016.) Die McGill University hat Richtlinien für die Campus-Renovierung aufgestellt, die auf ihren institutionellen Zielen hinsichtlich aktiven, kollaborativen Lehrens und Lernens basiert. Sie empfiehlt anderen Hochschulen, ebenfalls eigene pädagogische Leitlinien zu entwickeln, die das Design und die Evaluation von Lernräumen vorgeben.

The UK Higher Education Learning Space Toolkit

go.nmc.org/uktool

(Universities and Colleges Information Systems Association, 2. Februar 2016.) Die “Universities and Colleges Information Systems Association” hat einen Lernraum-Werkzeugkasten entwickelt, der Hochschulen als praktische Anleitung bei der Entwicklung neuer Lehrmethoden, Evaluierung ihrer Räumlichkeiten und Umsetzung von Veränderungen dienen kann.

University of Western Australia’s Reid Library Collaborative Zone

go.nmc.org/refurb

(UWA Library, aufgerufen am 24. Januar 2017.) Die University of Western Australia hat eine 50 Jahre alte Bibliothek umgebaut, um studierendenzentrierte Ansätze des formellen und informellen Lernens zu ermöglichen. Durch unterschiedliche, technologiegestützte Gruppenlernbereiche und ausgewiesene Entspannungsareale hilft die neue “Ground Floor Collaborative Zone” der Reid Library den Studierenden dabei, sich auch in längeren Lernperioden wohlzufühlen.

[i] http://www.csusm.edu/classrooms/

[ii] http://case.edu/hololens/

[iii] http://www.conferenceboard.ca/topics/education/commentaries/16-05-16/innovation_in_learning_spaces_how_we_are_reinventing_the_classroom.aspx

[iv] http://www.bizedmagazine.com/archives/2017/1/features/business-schools-teach-with-telepresence

[v] http://www.edtechmagazine.com/higher/article/2016/08/colleges-transform-campus-sites-high-tech-spaces

[vi] https://campustechnology.com/articles/2016/06/08/designing-learning-spaces-for-innovation.aspx

[vii] https://ww2.kqed.org/mindshift/2016/02/05/what-colleges-can-gain-by-adding-makerspaces-to-its-libraries/

[viii] http://www.nottingham.edu.cn/en/news/2016/unnc-launches-incubator-centre.aspx

[ix] https://nfb.org/higher-education-accessibility-online-resource-center

[x] http://www.edtechmagazine.com/higher/article/2016/10/universal-design-does-your-campus-comply

[xi] https://www.jisc.ac.uk/guides/learning-spaces

[xii] https://campustechnology.com/articles/2016/05/17/flexspace-sharing-the-best-of-learning-space-design.aspx

[xiii] https://www.learningenvironments.unsw.edu.au/content/PALS

[xiv] http://www.surrey.ac.uk/tel/news/160634_active_learning_spaces.htm