NMC Horizon Report > 2017 Higher Education Edition (German)
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Förderung der digitalen Gleichberechtigung

Schwierige Herausforderungen: begreifbar, aber schwer lösbar

Zusammenfassung

Einführung

Schlüsseltrends, die den Einsatz von Technologien im Hochschulbereich befördern

Langfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont fünf oder mehr Jahre

 > Beförderung von Innovationskulturen
 > Deeper-Learning-Methoden

Mittelfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont drei bis fünf Jahre

 > Zunehmender Fokus auf der Messung von Lernprozessen
 > Neugestaltung von Lernräumen

Kurzfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont ein bis zwei Jahre

 > Blended-Learning-Designs
 > Kollaboratives Lernen

Besondere Herausforderungen, die den Einsatz von Technologien im Hochschulbereich behindern

Bezwingbare Herausforderungen: begreifbar und lösbar

 > Zusammenführung von formellem und informellem Lernen
 > Verbesserung der Digital- und Medienkompetenz

Schwierige Herausforderungen: begreifbar, aber schwer lösbar

 > Die Leistungskluft
 > Förderung der digitalen Gleichberechtigung

Komplexe Herausforderungen: schwer definierbar und umso schwerer lösbar

 > Neue Rolle(n) der Lehrenden
 > Der richtige Umgang mit Wissensverschleiß

Wichtige lehr-/lerntechnologische Entwicklungen für den Hochschulbereich

Zeithorizont: ein Jahr oder weniger

 > Adaptive Lerntechnologien
 > Mobiles Lernen

Zeithorizont: zwei bis drei Jahre

 > Internet der Dinge (IoT)
 > Next-Generation-LMS

Zeithorizont: vier bis fünf Jahre

 > Künstliche Intelligenz
 > Natürliche Benutzerschnittstellen

Methodologie

Expert/innenbeirat der Hochschulausgabe 2017

Digitale Gleichberechtigung bezieht sich auf den ungleich verteilten Zugang zu Technologie, insbesondere Breitband-Internet. Die UNESCO berichtet, dass bei 3,2 Milliarden Internetnutzern weltweit lediglich 41% der Menschen in den Entwicklungsländern online sind.[i] Darüber hinaus haben weltweit 200 Millionen weniger Frauen als Männer Zugang zum Internet. Die Vereinten Nationen haben Internetzugang als essentielle Voraussetzung eingestuft, um bis 2030 ihre nachhaltigen Entwicklungsziele der Linderung von Armut und Hunger sowie der Verbesserung von Gesundheit und Bildung zu erreichen.[ii] Diese dramatische soziale Ungerechtigkeit wirkt sich nicht nur auf Entwicklungsländer aus: Über 30 Millionen US-Amerikaner haben keinen Zugang zu Hochleistungsinternet. Dies muss sich ändern, um Teilhabe, Kommunikation und Lernen innerhalb der Gesellschaft zu fördern.[iii] Technologie spielt eine wichtige Rolle für den leichteren Zugang zum Studium für unterrepräsentierte Studierendenpopulationen, ebenso wie für die Bereitstellung barrierefreier Online-Materialien. Online-Lernen wird durch einen leistungsstarken Internetzugang unterstützt, und durch OER können Studierende Kosten sparen.[iv]

Überblick

Der Zugang zum Internet ist unerlässlich für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Fortschritt. Regierungen müssen die Internetanbindung auf gleicher Ebene adressieren wie Bestrebungen zur Stärkung traditioneller Infrastrukturen wie Straßen und Elektrizität. Eine Studie der Weltbank ergab, dass Entwicklungsländer nach Erweiterung des Breitband-Internets um 10% eine Steigerung ihres Bruttoinlandsprodukts um 1,3% verzeichneten.[i] Im Whitepaper “Internet für alle” des Weltwirtschaftsforums werden Faktoren genannt, die es erschweren, mehr Menschen online zu bringen. Dazu zählen fehlende Stromversorgung für 15% der Weltbevölkerung, unbezahlbarer Breitbandanschluss und Analphabetismus.[ii] Ohne leistungsfähiges Internet ist die Skalierung neuer Technologien in der Bildung hinfällig. Solange das Breitband-Internet ungleich verteilt ist, bestehen die Barrieren der Gleichberechtigung fort. Das Center for Public Integrity berichete, dass US-amerikanische Familien in Wohngegenden mit Durchschnittseinkommen der untersten 20% mit fünfmal höherer Wahrscheinlichkeit keinen Breitbandzugang haben als Haushalte in Gegenden mit Durchschnittseinkommen der obersten 20%.[iii]

Dort, wo Hochleistungsinternet verfügbar ist, ist es an den Hochschulen, technologiegestützte Lehrmodelle einzusetzen, um die Bedürfnisse benachteiligter Studierender besser aufzufangen. Ein Bericht, der vom australischen National Centre for Student Equity in Higher Education finanziert wurde, analysiert das Lernerlebnis von Studierenden mit Behinderungen beim Online-Anbieter Open Universities Australia. Viele Studierende wiesen darauf hin, dass die Flexibilität des Online-Lernens es ihnen ermöglicht, die Bildungsangebote wahrzunehmen und dass sie an traditionellen Hochschulen nicht studieren könnten.[iv] Viele Hochschulen sammeln studierendenbezogene Daten in Online-Lernumgebungen und können dadurch adaptive Technologien einsetzen, die durch personalisierte Unterstützung und gezieltes Feedback mehr Studierenden zum Erfolg verhelfen.[v] In manchen Fällen profitieren jedoch die privilegiertesten Studierenden auch am meisten von frei verfügbaren Lernressourcen. Wissenschaftler von Harvard und dem MIT haben die Einschreibungsdaten aus 68 MOOCs analysiert, die sie zwischen 2012 und 2014 angeboten haben. Sie fanden heraus, dass die Teilnehmenden in Wohngegenden mit überdurchschnittlichen Einkommen lebten. Darüber hinaus war bei den Teenagern, die auf der Plattform HarvardX eingeschrieben waren und ein Elternteil mit College-Abschluss hatten, die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Zertifikat erwerben, mehr als zweimal so hoch wie bei denjenigen, deren Eltern keinen Hochschulabschluss hatten.[vi]

Viele Institutionen sehen eine soziale Verantwortung darin, durch digitale Ressourcen den Zugang zur Bildung zu öffnen. 2017 will die Oxford University kostenfreie Online-Kurse über die Plattform edX anbieten, die von Harvard und dem MIT ins Leben gerufen wurde.[vii] OER, also frei verfügbare und bearbeitbare Lernmaterialien, bieten eine weitere Möglichkeit, die Gleichberechtigung im Hinblick auf den Zugang zu akademischer Bildung zu verbessern.[viii] Online-Repositorien wie die Plattform OER Commons[ix] des ISKME (Institute for the Study of Knowledge Management in Education) und die internationale Kooperation Commonwealth of Learning[x] beherbergen Sammlungen von Ressourcen, die Bildungseinrichtungen nutzen können, um die Kosten für Studierende zu senken. Es mehren sich die Nachweise, dass OER sich auch auf die studentischen Leistungen positiv auswirken können. Beispiel: am Northern Virginia Community College waren die Erfolgsquoten in Kursen, die OER einsetzten, um 9% höher als in Kursen, die nur traditionelle Textmaterialien nutzten.[xi]

Implikationen für Strategie, Innovation oder Praxis

Regierungsinitiativen arbeiten daran, Lücken in der Internetversorgung anzugehen und den Einsatz von OER zu stärken. Der indische Premierminister hat das Programm Digital India ins Leben gerufen, das darauf abzielt, die Implementierung einer Reihe aktuell laufender Strategien zu synchronisieren, um den Breitband-Internetzugang in ländlichen Regionen zu verbessern und das Land durch digitale Technologien zu stärken. Zu den Wachstumsbereichen gehören mobile Vernetzung, öffentlicher Internetzugang, elektronische Auslieferung von Services und IT-Training für junge Leute.[xii] Der Bundesstaat Kalifornien stattet die California Community Colleges mit 5 Millionen US-Dollar aus, um Z-Degrees zu entwickeln (Z = Zero) – das sind Wege zum Studienabschluss mit null (Z = zero) Kosten für Lehrbücher. Die Colleges können ihre Studiengangspläne anhand existierender OER ausrichten oder Fördermittel für die Erstellung neuer OER verwenden. Die Lernmaterialien werden in der California Open Online Library for Education (COOL4Ed) veröffentlicht, um die institutionenübergreifende Zusammenarbeit im Staat und darüber hinaus zu unterstützen. Zudem gibt es Förderanreize, um durch berufliche Weiterbildungsangebote Lehrende zum Einsatz von OER zu bewegen.[xiii]

Auch führende Unternehmen entwickeln Strategien für die digitale Gleichberechtigung, um diese Herausforderung zu bewältigen. Comcast pilotiert eine Initiative in Colorado und Illinois, in der Community-College-Studierende, die Pell-Förderungen erhalten, Computer für bezuschusste Preise von unter 150 US-Dollar erwerben können.[xiv] Solche Programme erkennen, dass für Hochschulstudierende der Zugang zu digitalen Ressourcen und Technologien immer wichtiger wird. Googles “Project Link” baut Metro-Glasfasernetzwerke in Uganda, durch die Internet-Serviceprovider Breitbandzugang zu niedrigen Preisen anbieten können. Das Unternehmen arbeitet mit dem Research & Education Network of Uganda (RENU) zusammen, um die letzte Meile zum Teilnehmeranschluss auszubauen, und so hochschulübergreifende Forschungskooperationen zu ermöglichen.[xv] Media Access Australia und das Australian Communications Consumer Action Network stellen gemeinsam die Website “Affordable Access” bereit, die Ressourcen aggregiert, um den Technologiezugang für Behinderte und ihre Betreuenden zu verbessern. Auf der Website finden sich Tipps zur Auswahl erschwinglicher Smartphones und Tablets ebenso wie zu barrierefreien Funktionalitäten beliebter Geräte.[xvi]

Bildungseinrichtungen setzen Technologien ein, um den Bedürfnissen einer steigenden Anzahl von Studierenden gerecht zu werden. Die University of Cambridge will die Inklusion von Studierenden mit Behinderungen durch ihr Pilotprojekt Lecture Capture verbessern, in dem Lehrende Kursinhalte in diversen Formaten online stellen, darunter Audio und Video. Die Analyse der studentischen Nutzung dieser Materialien wird Lehrenden auch dabei helfen festzustellen, an welchen Stellen weiterführende Anleitung gebraucht wird. Das Programm ist Teil der institutionellen “Digital Strategy for Education”, die Aktivitäten unterstützt, die Lehre und Lernen durch Technologien anreichern und die Gleichstellung im Studium verbessern.[xvii] Während die MOOC-Bewegung niedrige Abschlussraten und Schwierigkeiten bei der Skalierung von Feedback, Diskussionen und Unterstützung für Tausende von Studierenden erlebt hat,[xviii] sind gut designte Kurse weiterhin vielversprechende Lieferanten von guter Lehre für benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Das Lytics Lab an der Stanford University hat herausgefunden, dass MOOCs durch Einbindung von Aktivitäten, die das soziale Zugehörigkeitsgefühl und das Selbstbewusstsein stärken, die Ausdauer und Lernerfolge von Teilnehmenden aus Entwicklungsländern fördern können.[xix]

Literaturempfehlungen

Denjenigen, die mehr über die Förderung der digitalen Gleichberechtigung erfahren möchten, empfehlen wir die folgenden Quellen:

Analysis: Internet Access — An Incomplete Promise

go.nmc.org/incomp

(Frederick L. Pilot, Rural Futures Institute, 1. Juni 2016.) In den USA ist der Zugang zum Breitband-Internet oft dadurch geprägt, in welchen Regionen dessen Umsetzung für Telekommunikationsunternehmen besonders profitabel ist. Fehlende Infrastrukturen hindern die Menschen daran, online zu lernen, von zu Hause aus Geschäfte zu betreiben und telemedizinische Leistungen zu erhalten.

Closing the Digital Divide: A Briefing Note

go.nmc.org/wwwbrief

(World Wide Web Foundation, 14. April 2016.) Dieser Artikel gibt Empfehlungen für Partnerschaften zwischen Politik und Wirtschaft, Finanzplanungen und strategische Initiativen, die dringend angegangen werden müssen, um die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zur Verbesserung des weltweiten Internetzugangs und der Geschlechtergleichheit beim Zugang zu Technologien zu erreichen.

E-Learning, the Digital Divide, and Student Success at Community Colleges

go.nmc.org/elearncc

(Lisa Young, EDUCAUSE Review, 22. August 2016.) Online-Lernen bietet Möglichkeiten, besser auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Studierendengruppen einzugehen, beispielsweise der Einsatz von Open Educational Resources zur Kostenreduzierung. Bildungsinstitutionen müssen sich die bestehende Ungleichheit hinsichtlich des Internetzugangs unter ihren Studierenden bewusst machen.

Indigenous Internet Increases Inclusion

go.nmc.org/inclus

(Marcus Butler, University of Canberra, 31. Mai 2016.) In Australien ist die Internetzugangsrate unter Aborigines und Torres-Strait-Insulanern durchgehend geringer als unter den nichtindigenen Bevölkerungsgruppen. Bezahlbares Internet für mehr Menschen würde auch die Zugangsmöglichkeiten zu Bildung und Arbeitsplätzen erhöhen, was wiederum zu einer gesundheitlichen Verbesserung führen könnte.

Laptop Program Narrows Digital Divide for College-Bound Foster Youth

go.nmc.org/foster

(Eric Lindberg, University of Southern California, 13. September 2016.) Die Teilnehmenden dieses Programms, das Laptops an Teenager ausgibt, fehlen seltener in der Schule, verbessern ihre psychische Gesundheit und ihr Selbstwertgefühl und bewerben sich in wachsender Zahl auf College- und Arbeitsplätze. Der Erfolg der Initiative dient als Machbarkeitsbeweis, um für Pflegekinder einen Zugang zu Technologien zu fordern und hat die Aufmerksamkeit von Gesetzgebern, Hilfsorganisationen und Silicon-Valley-Unternehmen gewonnen.

Report of the Special Rapporteur on the Right to Education (PDF)

go.nmc.org/uneduc

(Kishore Singh, United Nations General Assembly, 6. April 2016.) Internationale Menschenrechtsgesetze fordern, dass Regierungen öffentliche Gelder für die Öffnung der Bildung aufwenden. Dieser Bericht warnt vor übermäßiger Privatisierung und drängt Entscheidungsträger, die Entwicklung freier Online-Ressourcen zu unterstützen und gleichzeitig fehlende Infrastrukturen auszubauen.

[i] https://blogs.state.gov/stories/2016/01/25/global-connect-initiative-making-internet-development-priority

[ii]http://www3.weforum.org/docs/WEF_Internet_for_All_Framework_Accelerating_Internet_Access_Adoption_report_2016.pdf (PDF)

[iii] https://www.publicintegrity.org/2016/05/12/19659/rich-people-have-access-high-speed-internet-many-poor-people-still-dont

[iv] https://www.ncsehe.edu.au/wp-content/uploads/2016/05/Access-and-Barriers-to-Online-Education-for-People-with-Disabilities.pdf (PDF)

[v] http://er.educause.edu/articles/2016/3/how-personalized-learning-unlocks-student-success

[vi] https://ww2.kqed.org/mindshift/2015/12/14/what-achieving-digital-equity-using-online-courses-could-look-like/

[vii] http://www.ox.ac.uk/news/2016-11-15-oxford-announces-its-partnership-edx-and-its-first-mooc

[viii] http://www.centerdigitaled.com/higher-ed/What-Are-Open-Educational-Resources.html

[ix] https://www.oercommons.org/

[x] https://www.col.org/

[xi] http://achievingthedream.org/press_release/15982/achieving-the-dream-launches-major-national-initiative-to-help-38-community-colleges-in-13-states-develop-new-degree-programs-using-open-educational-resources

[xii] http://www.digitalindia.gov.in/

[xiii] http://www.lao.ca.gov/Publications/Report/3392

[xiv] https://internetessentials.com/college

[xv] https://www.google.com/get/projectlink/

[xvi] http://affordableaccess.com.au/

[xvii] http://www.cam.ac.uk/for-staff/news/harnessing-digital-technology-to-support-teaching-and-learning

[xviii] https://theithacan.org/news/mooc-courses-have-not-gained-as-much-popularity-as-expected/

[xix] https://odl.mit.edu/news-events/blog/five-things-you-missed-if-you-missed-kizilcecs-talk-closing-achievement-gaps-moocs