NMC Horizon Report > 2017 Higher Education Edition (German)
>Besondere Herausforderungen, die den Einsatz von Technologien im Hochschulbereich behindern
>>Komplexe Herausforderungen: schwer definierbar und umso schwerer lösbar

Der richtige Umgang mit Wissensverschleiß

Komplexe Herausforderungen: schwer definierbar und umso schwerer lösbar

Zusammenfassung

Einführung

Schlüsseltrends, die den Einsatz von Technologien im Hochschulbereich befördern

Langfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont fünf oder mehr Jahre

 > Beförderung von Innovationskulturen
 > Deeper-Learning-Methoden

Mittelfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont drei bis fünf Jahre

 > Zunehmender Fokus auf der Messung von Lernprozessen
 > Neugestaltung von Lernräumen

Kurzfristige Trends: Antriebsfaktoren für die Technologieeinführung im Zeithorizont ein bis zwei Jahre

 > Blended-Learning-Designs
 > Kollaboratives Lernen

Besondere Herausforderungen, die den Einsatz von Technologien im Hochschulbereich behindern

Bezwingbare Herausforderungen: begreifbar und lösbar

 > Zusammenführung von formellem und informellem Lernen
 > Verbesserung der Digital- und Medienkompetenz

Schwierige Herausforderungen: begreifbar, aber schwer lösbar

 > Die Leistungskluft
 > Förderung der digitalen Gleichberechtigung

Komplexe Herausforderungen: schwer definierbar und umso schwerer lösbar

 > Neue Rolle(n) der Lehrenden
 > Der richtige Umgang mit Wissensverschleiß

Wichtige lehr-/lerntechnologische Entwicklungen für den Hochschulbereich

Zeithorizont: ein Jahr oder weniger

 > Adaptive Lerntechnologien
 > Mobiles Lernen

Zeithorizont: zwei bis drei Jahre

 > Internet der Dinge (IoT)
 > Next-Generation-LMS

Zeithorizont: vier bis fünf Jahre

 > Künstliche Intelligenz
 > Natürliche Benutzerschnittstellen

Methodologie

Expert/innenbeirat der Hochschulausgabe 2017

In einer Welt, in der die unterschiedlichen Lernbedürfnisse, ebenso wie Software und Endgeräte, sich rasant weiterentwickeln, ist es eine komplexe Herausforderung für Lehrende, stets organisiert und auf dem Laufenden zu bleiben.[i] Neue technologische Entwicklungen haben großes Potenzial, die Qualität der Lern- und Arbeitsprozesse zu verbessern. Doch sobald Hochschullehrende und -mitarbeitende eine Technologie gemeistert haben, wird diese oft auch schon wieder durch eine Folgeversion abgelöst. Bildungseinrichtungen müssen sich mit der Lebensdauer von Technologien auseinandersetzen und Backup-Pläne entwerfen, bevor sie große Investitionen tätigen. Ein zusätzlicher Druck besteht darin sicherzustellen, dass die ausgewählten Tools tiefergehende Lernprozesse unterstützen, die sich auch messen lassen.[ii] Für das Neuentdecken von Technologien ebenso wie Lehrmethoden müssen Prozesse erarbeitet werden, die es Hochschulmitarbeitenden ermöglichen, Informationen effizient und aufschlussreich zu filtern, interpretieren, organisieren und abzurufen. Zudem hat die weitverbreitete Schwerpunktsetzung auf Forschung gegenüber der Lehre als Maßstab für die Beförderung und Entfristung von Wissenschaftler/innen den Fortschritt bei der Konzeption qualitativ hochwertiger Lehre gefährdet. Lehrende müssen Forschung und Lehre für sich ausbalancieren und relevante berufliche Weiterbildungen auch bei inadäquaten Budgets anstreben.[iii]

Überblick

Wissenschaftler/innen stehen vor der Herausforderung, den Einfluss gesellschaftlicher Veränderungen auf die Bildung nachzuvollziehen, gravierende Umwälzungen agil zu antizipieren und kontinuierlich neue Ideen im Dienste von Lehre und Lernen zu generieren. Zusätzlich müssen sie kluge Entscheidungen hinsichtlich der Einführung von Technologien treffen und dabei die technischen Tools mit der Förderung effektiver Didaktik und Forschungsmethodologien verbinden. Es gibt jedoch eine Kluft zwischen den wahrgenommenen Vorteilen von Bildungstechnologien und den greifbaren Studierendenerfolgen. In Südafrika haben Forscher herausgefunden, dass Technologien häufig eingesetzt werden, ohne die Bedürfnisse von sowohl Lehrenden als auch Lernenden ausreichend zu adressieren.[i] Bei Befragungen zur Einstellung gegenüber Technologien haben Inside Higher Ed und Gallup herausgefunden, dass insbesondere beim Thema Online-Lernen die Meinungen auseinandergehen: 53% der Lehrenden behaupteten, dass virtuelle Kurse nicht die Qualität der Präsenzangebote erreichten.[ii] Angesichts des Bedarfs der Lernenden nach flexibleren Wegen zum Studienabschluss wird Online-Lernen immer populärer,[iii] aber Bildungseinrichtungen sind noch nicht darauf ausgerichtet, die bestmöglichen Angebote vorzuhalten.

Studierende haben mehr Möglichkeiten denn je neue Kompetenzen zu erwerben, und traditionelle Institutionen stehen unter dem Druck konkurrenzfähig zu bleiben.[iv] Basierend auf der Erkenntnis, dass Auswendiglernen nicht ausreicht, um arbeitsmarktfähige Absolventen hervorzubringen, sind Lehrende an asiatischen Universitäten nun gefordert, Kompetenzen für das 21. Jahrhundert einzubeziehen. Überall auf dem asiatischen Kontinent konzipieren Hochschulen berufliche Weiterbildungsprogramme, die zu effektiveren Lernmethoden führen sollen.[v] Beispiele: Der “Seoul Intensive Course for Medical Educators” ist ein gemeinsames Fortbildungsprogramm für Lehrende in Kambodscha, Laos, der Mongolei, Myanmar und Vietnam, in dem Best Practices ausgetauscht werden und die Leistungsfähigkeit der internationalen medizinischen Ausbildung gesteigert wird.[vi] In den USA hat das Tracer Projekt untersucht, wie die Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrende am Carleton College und an der Washington State University sich auf die Lernergebnisse der Studierenden ausgewirkt haben. Die Ergebnisse zeigten, dass ein umfassendes, kontinuierliches Training – im Gegensatz zu punktuellen Themenworkshops für einzelne Departments – bessere Lehrmethoden kultiviert. Der Fortschritt gelingt umso besser, wenn Lehrende aus eigenem Antrieb lernen und sich in Communities of Practice engagieren.[vii]

Eine weitere Dimension dieser Herausforderung ist, dass Bildungseinrichtungen sich auf die Eventualität vorbereiten müssen, dass die Technologien, die sie einführen, durch zukünftige Neuentwicklungen oder Produktabkündigungen obsolet werden. Die akademische Aus- und Weiterbildung kann sich an anderen Sektoren orientieren. Museen, beispielsweise, kennen das Problem der Bewahrung und Konservierung digitaler Objekte, bei denen besonders darauf geachtet werden muss, dass die Intention des Künstlers auch über Updates der Wiedergabetechnologie hinaus erhalten bleibt. Das Canadian Heritage Information Network hat für Museen ein Template und eine Rahmenstruktur für die digitale Langzeitbewahrung entwickelt.[viii] Hochschulen müssen in ähnlicher Weise Infrastrukturen für die Bewältigung von Technologieübergängen aufbauen, so dass Veränderungen an Produkten wie Smartphones und Telepräsenzsystemen sich nicht negativ auf die Vernetzung und die physischen Räumlichkeiten auf dem Campus auswirken. Am Teachers College der Columbia University baut die Gottesman Library das “Learning Theater”, eine offene Lehrlaborfläche, die erprobte Techniken aus den bildenden Künsten einsetzt. Lehrende können dort mit unkonventionellen Kollaborations- und Lehrmethoden experimentieren, indem sie wie Bühnenbildner Räume nachbauen.[ix]

Implikationen für Strategie, Innovation oder Praxis

Während es nur wenige politische Linien gibt, die diese komplexe Herausforderung direkt adressieren, macht die Innovationsförderung der Europäischen Kommission Schule. Ein Ziel ihres Programms Erasmus+ ist beispielsweise die Modernisierung der Hochschullehre durch Ausrichtung des Curriculums an den Bedarfen des Arbeitsmarkts. Dies soll durch Stärkung der Kompetenzen der Hochschulleitungen und des internationalen Austauschs erreicht werden.[x] 2017 wird Erasmus+ Fördersummen von bis zu einer Million Euro für Projekte zum Kapazitätsaufbau im Hochschulbereich vergeben, um Governance, Verwaltung und Betrieb von Hochschuleinrichtungen zu modernisieren.[xi] Darüber hinaus haben Hochschulen klare Strategien hinsichtlich der Weiterbildung von Lehrenden und Mitarbeitenden aufgestellt. Beispiele: Das Durham Technical Community College hat Beratungsausschüsse für die Aus- und Weiterbildung, die dafür verantwortlich sind passende Angebote zu finden und die Campus-Ressourcen zu optimieren.[xii] Das Rochester Institute of Technology ermöglicht es vielen festangestellten Lehrenden, sich für langfristige Weiterbildungen freistellen zu lassen.[xiii]

Hochschulleitungen müssen kontinuierlich bestrebt sein, die Wissenslücken ihres Lehrkörpers zu füllen, unabhängig vom Beschäftigungsstatus. Das Houston Community College-System ist ein Best-Practice-Beispiel für die Ausstattung von Lehrbeauftragten mit technischen und pädagogischen Hilfestellungen. [xiv] Acht Curriculum Innovation Center arbeiten mit den Lehrenden zusammen, um die neuesten Technologien in ihre Kurse zu integrieren und attraktive Lernerlebnisse zu ermöglichen. Lehrbeauftragte erhalten Fortbildungen für bestimmte Aktivitäten, wie digitales Storytelling und Entwicklung von Online-Kursen, ebenso wie grundlegende Einweisungen in LMS und Notenverwaltungssoftware.[xv] Die Center sind während festgelegter Öffnungszeiten oder nach Terminabsprache geöffnet, so dass Lehrbeauftragte flexibel das Center aufsuchen können, das am nächsten an ihrem Wohnort, ihrem Arbeitsplatz oder ihrem Lehrcampus liegt. In Großbritannien bietet Jisc sowohl Online- als auch Präsenztrainings als zeitnahe Hilfestellungen für eine breitgefächerte Gruppe von Lehrenden an; ein virtueller Workshop befasste sich vor Kurzem mit bevorstehenden Änderungen der Finanzbeihilfe für behinderte Studierende (Disabled Student Allowance, DSA), um Hochschulleitungen zu helfen bezahlbare Unterstützungsstrategien zu identifizieren und umzusetzen.[xvi]

Die Penn State University (PSU) begegnet dem Wissensverschleiß unter Lehrenden und Mitarbeitenden mit einer dreigeteilten Strategie: Sie versorgt sie mit neuen Technologien zum freien Experimentieren; bringt Instruktionsdesigner und Programmierer zusammen, um weiterzudenken, wie Technologie den Unterricht transformieren kann; und baut für gemeinsame, kreative Problemlösungen langfristige Bindungen zwischen Leitung und Lehrkörper auf. Das Programm “Faculty Fellows” der PSU vergibt zudem Fördergelder an diejenigen, die neue digitale Tools erproben wollen, z.B. Wearables. Ein Pilotprojekt mit Smartwatches hat bereits überzeugende Mehrwerte für die Studierenden aufgezeigt, in Form von nahtlosen Interaktionen zwischen Lernenden und dem betreffenden Lernstoff.[xvii] Lehrende und Mitarbeitende auf diese Weise zu motivieren, durch den Umgang und das Experimentieren mit Innovation und Technologien zu lernen, ist der Schlüssel zum Erfolg: effektive, evidenzbasierte Methoden entstehen nur, wenn zuvor die Möglichkeiten gegeben sind, sie entsprechend zu erproben.

Literaturempfehlungen

Denjenigen, die mehr über den richtigen Umgang mit Wissensverschleiß erfahren möchten, empfehlen wir die folgenden Quellen:

Communities of Practice in Higher Education

go.nmc.org/usqcop

(University of Southern Queensland, aufgerufen am 19. Dezember 2016.) Die australische University of Southern Queensland betont die Wichtigkeit von Communities of Practice, die Lehrenden und Mitarbeitenden ein Umfeld bieten, in dem sie zusammenarbeiten und gemeinsam über Lehr- und Lernmethoden nachdenken können.

Courseware in Context Framework

go.nmc.org/cwicf

(Courseware in Context Framework, Tyton Partners, aufgerufen am 19. Dezember 2016.) Auf dieser Open-Access-Plattform können Hochschulleitende mittels einer Produkt-Taxonomie die Funktionalitäten von Technologien einsehen. Es finden sich Forschungsergebnisse dazu, wie die Funktionalitäten sich auf studentische Lernprozesse auswirken ebenso wie Anleitungen für die Implementierung der Technologien auf Kurs- und institutioneller Ebene.

Departmental Cultures and Non-Tenure-Track Faculty (PDF)

go.nmc.org/nontenf

(University of Southern California Earl und Pauline Pullias Center for Higher Education, August 2015.) Im “Delphi Project on the Changing Faculty and Student Success” wurde ein Assessment entwickelt. Dessen Ergebnisse lassen sich dazu verwenden, eventuelle Lücken oder Hindernisse zu beseitigen, um ein unterstützendes Umfeld zu schaffen, in dem Lehrbeauftragte optimal auf die Bedürfnisse der Studierenden eingehen können.

Female Professors ‘Pay Price for Academic Citizenship’

go.nmc.org/femprof

(Jack Grove, Times Higher Education, 14. Dezember 2016.) Der Autor stellt die These auf, dass weiße, männliche Professoren sich darauf konzentrieren ihre eigenen Forschungsziele voranzubringen und höhere Chancen auf externe Anerkennung haben, währende Professorinnen Wert auf Mentoring und Weiterbildung legen. Das Ausfüllen eher lern- und serviceorientierter Rollen könnte dazu führen, dass letztere bei Beförderungen übersehen werden.

How Colleges Prepare (or Don’t Prepare) Their Leaders Is Holding Back Innovation

go.nmc.org/howcol

(Jeffrey J. Selingo, The Chronicle of Higher Education, 9. August 2016.) Dieser Artikel untersucht die Hindernisse für das effektive Hochschulmanagement, darunter die steile Lernkurve, die bewältigt werden muss, bevor neue Leitende in wichtige Entscheidungsprozesse eingebunden werden können, ebenso wie die fehlende Gesamtsicht auf wichtige Trends und Herausforderungen außerhalb der Institution.

Learning Technology Commons

go.nmc.org/uncltc

(Marguerite McNeal, EdSurge, 8. Februar 2016.) Das University of North Carolina-System hat die “Learning Technology Commons” ins Leben gerufen, um den Lehrenden der 17 Einrichtungen die Auswahl spezifischer Tools zu erleichtern. In den “Commons Marketplace” können Lehrende und Mitarbeitende Produktrezensionen eintragen, so dass durch Nutzererfahrungen ein Crowdsourcing entsteht.

[i] http://www.palgrave-journals.com/articles/palcomms20152

[ii] https://www.insidehighered.com/news/survey/partial-credit-2015-survey-faculty-attitudes-technology

[iii] http://onlinelearningconsortium.org/news_item/babson-study-distance-education-enrollment-growth-continues-2/

[iv] Jouko Sarvi und Hitendra Pillay, Innovations in Knowledge and Learning for Competitive Higher Education in Asia and the Pacific, Asian Development Bank, 1. Dezember 2015.

[v] http://www.palgrave-journals.com/articles/palcomms20152

[vi] http://bmcmededuc.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12909-015-0518-8

[vii] William Condon et al., Faculty Development and Student Learning: Assessing the Connections, Indiana University Press, 11. Dezember 2015.

[viii] http://canada.pch.gc.ca/eng/1443123010060

[ix] http://nyrej.com/81418

[x] https://ec.europa.eu/programmes/erasmus-plus/opportunities-for-organisations/innovation-good-practices/capacity-building-higher-education_en

[xi] http://eacea.ec.europa.eu/home/erasmus-plus/actions/key-action-2-cooperation-for-innovation-and-exchange-good-practices/capacity-0_en

[xii] https://www.durhamtech.edu/policiesprocedures/professionaldevelopmentpolicy.htm

[xiii] https://www.rit.edu/academicaffairs/policiesmanual/e180

[xiv] Houston Community College. “Instructional Technology.” Aufgerufen am 18. Oktober 2016. http://northeast.hccs.edu/about-us/instructional-technology/.

[xv] Storycenter. “Houston Community College: Embedding Digital Storytelling Across the Higher Education Curriculum.” Aufgerufen am 18. Oktober 2016. http://www.storycenter.org/case-studies/hcc.

[xvi] https://www.jisc.ac.uk/training/developing-a-strategic-response-to-dsa-changes

[xvii] http://www.centerdigitaled.com/higher-ed/How-to-Help-Faculty-Explore-Wearable-Technology-for-Learning.html